Die Sache mit dem Sport

Ich habe noch so viel zu schreiben, dass ich hin und wieder springen werde, denn ich mag nicht nur von der Vergangenheit berichten, um dann irgendwann im Jetzt anzukommen. Denn dieses „Jetzt“ ist mein ein und alles geworden. Ich lebe nicht in der Vergangenheit und ebenso wenig in der Zukunft. Das Leben findet immer im Augenblick statt. Wenn man sich von der Vergangenheit und der Zukunft lösen kann und sich ganz auf das Jetzt konzentriert, dann fallen in diesem Augenblick alle Sorgen und Ängste weg und man erlebt das pure Sein.

Mir ist bewusst, dass einige genau an dieser Stelle mit dem Lesen aufhören werden. Es könnte ja so ein esoterischer Mist werden und das ist vielen unangenehm. Vor vier Jahren hätte ich genau so reagiert und mir gedacht, dass da jemand sein Leben nicht im Griff hat. Und nun habe ich vielleicht zum ersten Mal mein Leben im Griff und sondere esoterischen Mist ab. Das Leben schreibt wunderbare Geschichten. Aber eigentlich wollte ich über den Sport schreiben.

Als ich Ende März 2010 plötzlich dem Tode geweiht war, empfand ich eine tiefe Ungerechtigkeit. Bis dahin war ich mein ganzes Leben lang von ernsthaften Krankheiten verschont geblieben und ich erlitt auch keinen Unfall. Letzteres hat sicher auch damit zu tun, dass ich nicht sonderlich aktiv war. Mein Leben spielte sich hauptsächlich vor dem Computer ab, was für einen Programmierer zwar nicht ungewöhnlich ist, aber dennoch zu Problemen führt, wenn die Teilnahme am realen Leben darunter leidet. Das gilt aber nicht nur für Programmierer, sondern mittlerweile für einen Großteil der Bevölkerung. Zumindest scheint es so, da die Zahl derer, die nur noch in Smartphones starren, immer größer wird.

Aber ich will nicht abschweifen. Ich war plötzlich ernsthaft krank und mit der nicht einfachen Frage beschäftigt, welche Therapie ich machen sollte. Die Ärzte in Gauting sagten mir, dass ich sofort eine Radiochemotherapie beginnen solle (Chemo + Bestrahlung), was der klassische schulmedizinische Weg ist. Sie sagten mir auch, dass ich relativ schnell sterben könne, wenn ich es nicht tue. Ich holte aber auch eine alternative Meinung ein. Ein geschäftlicher Partner und sehr guter Freund von mir empfahl mir einen Arzt, der mit bioenergetischer Medizin und Bioresonanz viele Erfolge feierte. Sein Untersuchungsergebnis war, dass die klassische Chemotherapie bei meinem Krebsleiden nicht anschlagen und ich sterben würde, wenn ich mich auf die Schulmedizin verließe. Dazu kommen Familie, Freunde, Bekannte und sogar Unbekannte, die das eine gutheißen, das andere ablehnen und meist einen dritten Weg vorschlagen. Kurzum: man ist verloren.

Ich war verloren. In all diesem Durcheinander wurde vergessen, mich mitzunehmen. Stell Dir ein Fußballspiel vor, in dem es eine strittige Entscheidung des Schiedsrichters gibt, die spielentscheidend sein kann. Vielleicht ein Elfmeter in der 90. Minute beim Stand von 1:1. Die Spieler sind aufgebracht und bedrängen den Schiedsrichter, die Trainer spielen verrückt und die Fans randalieren. Hunderte Polizisten marschieren Richtung Gästeblock, Bengalos werden gezündet und tauchen den ganzen Platz in einen dichten Nebel. Hundegebell ertönt und Hubschrauber kreisen durchs Stadion. Ok, der letzte Satz war vielleicht übertrieben, also nehme ich die Hubschrauber zurück. In all diesem Chaos fühlte ich mich hin und wieder wie der Ball. Ohne Ball kann das ganze Spiel nicht stattfinden, aber in diesen Augenblicken schaut niemand hin, auch wenn es eigentlich um ihn geht.

Ich wollte über den Sport schreiben. Damals hatte ich die Meinungen zweier Ärzte. Sie waren vollkommen kontrovers, aber in einem Punkt identisch: würde ich nicht auf sie hören, dann wäre mein Tod besiegelt. Den Ausschlag für den schulmedizinischen Weg war die Aussage des anderen Arztes, dass wenn ich den schulmedizinischen Weg einschlagen und erkennen würde, dass er nicht funktioniert, es noch nicht zu spät sei, sofern ich dann zu ihm käme.

Ich habe übrigens nicht vor die Namen der Ärzte preiszugeben. Ich werde meine eigenen Ansichten deutlich vertreten, aber ich werde niemanden nennen. Einfach deshalb, weil jeder Mensch ein Unikat ist und man nicht sagen kann, was hilft und was nicht. In meinem ersten Beitrag auf diesem Blog habe ich geschrieben, dass man die Entscheidung niemals aus der Hand geben darf. Das ist das Wesentliche. Ich begann mit der Schulmedizin, weil meine Frau an nichts anderes glauben und ich nicht ausschließen konnte, dass sie funktioniert. Und bei einigen Menschen funktioniert sie. Das Wichtigste ist, an den eingeschlagenen Weg zu glauben. Wenn Du nicht mehr daran glaubst, dann lass es.

Der Sport. Ich begann mit Chemotherapie und Bestrahlung. Auch wenn ich zuvor nie mit Krebs in Berührung kam, so wusste ich doch, dass eine Chemotherapie den Körper auslaugt und müde macht. Zusammen mit meiner Frau entwarf ich daher die Idee, als Ausgleich Fahrrad zu fahren. Ich wollte den Körper fordern, so dass er besser mit der kommenden Therapie umgehen könnte. Und ich fand die Idee prima, die Lungen mit Sauerstoff zu fluten, denn ich hatte gehört, dass Tumore Sauerstoff nicht mögen. Zudem machten wir uns auf die Suche nach einem Homöopathen oder Heilpraktiker, der mich parallel behandeln sollte. Wir wurden fündig und ich werde diesen Arzt fortan Christoph nennen und seine Frau Monika. Das sind natürlich nicht ihre wirklichen Namen, aber mit beiden verbindet mich eine tiefe Freundschaft und ich werde sie sicher noch häufig erwähnen.

Im April 2010 begann ich also Fahrrad zu fahren. Ich erinnere mich noch sehr gut an die ersten Ausflüge. Ich fuhr eine Art Hausrunde, die 5km lang war. Ich fand das großartig, denn 5km mit dem Fahrrad zu fahren, empfand ich als eine tolle Leistung. Um mich zu motivieren kaufte ich mir einen einfachen Tacho für mein Fahrrad, so dass ich fortan die gefahrenen Strecken, Zeiten und das Tempo sehen konnte. Anfangs war es sehr anstrengend und meine erste Tour über unglaubliche 15km musste ich zweimal unterbrechen, um zu Kräften zu kommen.

Ende Mai schaffte ich 25km und im Juni steigerte ich mich auf Touren zwischen 30 und 40km. Es war die Zeit, als ich mich nach zwei Zyklen Chemo dazu entschloss, auf weitere Zyklen zu verzichten. Es hätten vier sein sollen, aber es fühlte sich einfach schlecht an und mein Innerstes rebellierte und sagte, dass es nicht richtig sei. Und darauf vertraute ich. Keine weitere Chemo und einfach der Sonne entgegenradeln. Am 26. Juni absolvierte ich meine erste Tour > 100km. Danach tat mir alles weh, aber ich fühlte mich großartig und unsagbar stark.

In 2010 radelte ich 2.436km, in 2011 waren es 4.778km und in 2012 kam ich auf 3.201km. In 2013 waren es ungefähr 1.600km, aber es war nicht mehr wichtig. Die Motivation, die ich einst aus den Kilometern zog, war nicht mehr nötig. Ende 2011 begann ich mit dem Laufen und damit meinem persönlichen Lebens-Lauf. Obwohl ich durch das Radeln eine gute Ausdauer hatte, gerieten die ersten Laufeinheiten zu einem Fiasko und waren nach spätestens 15 Minuten beendet. Nach wenigen Wochen schaffte ich aber 10km und durchlief dann all die Wehwehchen, die man als Laufanfänger hat. Sehr unangenehm waren die Schmerzen in den Schienbeinen und den Knien, aber nachdem die Muskulatur aufgebaut war, kamen sie nie mehr zurück.

Im Oktober 2011 nahm ich an meinem ersten 10km-Volkslauf teil und in 2012 absolvierte ich den ersten Halbmarathon. Mehr wurde es bislang nicht und ich habe auch keine Ambitionen, auf den Marathon zu trainieren. Über Pfingsten 2012 radelte ich zu meinen Eltern. 870km in 7 Tagen bei bestem Wetter waren eine unglaubliche Erfahrung. Ich habe einen Tourbericht geschrieben und als Buch drucken lassen. Diese Tour war für mich auch das Aufarbeiten des Krebsleidens.

Seit Beginn 2014 versuche ich täglich zu laufen. Es darf auch mal Walken sein, aber im Wesentlichen ist es Laufen. Zuvor war ich meist 1-3-mal pro Woche unterwegs und absolvierte Strecken bis zu 18km. Jetzt sind es deutlich kürzere Distanzen, aber dafür halt täglich. Ich begann mit 5km und liege jetzt bei 6 – 8km. Bis zum 24. Januar sind so schon 139km zusammen gekommen, was ich vor vier Jahren wohl nicht einmal mit dem Fahrrad für möglich gehalten hätte.

Im April/Mai mache ich die Ausbildung zum Übungsleiter Breitensport für Erwachsene und plane die Trainingsgruppe zu übernehmen, die in unserem Verein auf das Deutsche Sportabzeichen trainiert. In 2013 war ich bereits als Assistent dabei und habe einige Übungseinheiten geleitet. Nun ist es Zeit für die fundierte Ausbildung.

Am Ende bin ich also doch noch zum Sport gekommen, wenn auch mit viel Anlauf. Es war mir wichtig, weil der Sport für mich einer der Schlüssel zur Überwindung des Krebsleidens war. Das bedeutet nicht, dass es als generelles Konzept übertragbar ist, weshalb ich mich auch nicht aus dem Fenster lehnen und rufen werde, dass der Krebs durch Sport zu besiegen sei. Was ich sagen kann ist, dass es für mich der richtige Weg war. Und selbst das kann ich nicht belegen. Ich weiß es halt nur.

Lange Zeit, wirklich lange Zeit, hatte ich immer wieder den einen Traum. Ich meine einen geträumten Traum und keine Wunschvorstellung. In diesem Traum lief ich und hörte nicht auf zu laufen. Der Traum war so real, dass ich öfters aufwachte und nicht wusste, ob ich wirklich gelaufen war oder nicht. Es folgte stets die ernüchternde Feststellung, dass es nur ein Traum war. Seit ich tatsächlich laufe, kam dieser Traum nie wieder. Aber er gibt mir immer noch zu denken, da er auf mich im Nachhinein wie ein Wink des Schicksals wirkt.

Werbeanzeigen

Über Weißer Läufer

Ich bin 46 Jahre alt und programmiere seit meiner Jugend. Dieses Hobby wurde mein Beruf und ist es heute noch. Mit 42 Jahren wurde Lungenkrebs diagnostiziert. Seitdem hat sich mein Leben positiv gewandelt, so dass ich dem Krebs im Nachhinein dankbar bin.
Dieser Beitrag wurde unter Hello World, Sport abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s