Ich denke also bin ich – oder doch nicht?

Ich bin kein Philosoph und strebe auch nicht danach, einer zu werden. Aber der Satz „Cogito ergo sum“ ist wohl den meisten geläufig. Ob er stimmt ist an dieser Stelle nebensächlich, denn welche Instanz könnte darüber richten. Ich habe ihn einfach deshalb als Titel gewählt, weil er mir als erstes in den Sinn kam, als ich eine Einleitung zum Thema „Denken“ suchte.

Als ich im Sommer 2010 krankgeschrieben war und die Freude am Fahrradfahren entdeckte, erwartete ich die dabei verbrachte Zeit sinnvoll zu nutzen. Ich würde sicher über meine Situation nachdenken und Strategien entwickeln, wie sie am besten zu bewältigen sei. Zu meinem Erstaunen verlief dieses Sinn-Voll aber völlig anders. Ich genoss mit vollen Sinnen die Sonne, die Luft, die Vögel, die Bäume und die Pflanzen. Und das Fahren an sich. Und da ich dies mit all meinen Sinnen tat, bekam der Verstand kaum noch Zeit. Ich brauchte ihn nicht und er blieb in einer Art Stand-By-Modus. Er sagte mir noch, wann ich zu bremsen hatte und wann ich wieder beschleunigen konnte, aber das geschah eher unterbewusst. Wirklich Denken tat ich nicht.

Hätte ich gedacht, dann wären meine Gedanken entweder in der Vergangenheit oder der Zukunft gewesen. Wie war es zu der Situation gekommen oder was würde die Zukunft bringen? Ich hätte mich in solchen Überlegungen verfangen können, um mich am Ende der Reise zu fragen, wo ich überhaupt gewesen sei. Aber ich dachte nicht. Ich fuhr. Zu dieser Zeit erahnte ich, was das „Sein“ sein könnte. Und ich stellte fest, dass ich nicht denken musste, um zu sein. Ich denke nicht – sondern bin.

Nun droht es doch ein wenig philosophisch zu werden, aber es dauert sicher nicht lange. Ich bemerkte, dass ich während des Fahrens ganz im Jetzt war. Da war absolut kein Multitasking und vielleicht mag es langweilig klingen, aber ich bin einfach nur gefahren. Und ließ die eintreffenden Bilder an mir vorüber ziehen, ohne sie zu werten. Dazu muss ich anmerken, dass ich mich auch prima in einen Sessel setzen und die Augen schließen kann. Nichts weiter, kein Buch (geht mit geschlossenen Augen eh nicht), keine Musik, Fernseher oder sonstige Ablenkungen. Einfach nur sitzen und an nichts denken. Im Liegen geht es noch besser, aber der Punkt ist, dass ich generell gut „abschalten“ kann.

Während meiner Zeit als Krebspatient hatte ich keine Angst. Die Welt um mich herum schien in Angst und Panik auszubrechen, aber ich blieb ruhig. Ich kann es nicht erklären, aber die Fähigkeit abzuschalten war sicher hilfreich. Parallel dazu las ich das Buch „Jetzt!“ von Eckhard Tolle, das mir Christoph ans Herz gelegt hatte und das ich förmlich aufsaugte. Ich beschäftigte mich mit dem Tod und merkte, dass ich auch davor keine Angst hatte. Meine einzige Befürchtung war, unter starken Schmerzen zu leiden, aber die Menschheit hat genug Medikamente entwickelt, um diese in den Griff zu bekommen.

Nachdem der Krebs Anfang 2011 verschwunden war sagten mir sehr viele Menschen, dass sie mich für die Ruhe, die ich an den Tag gelegt hatte, bewunderten und dass diese Ruhe sicher ein wesentlicher Faktor für meine Genesung gewesen sei. Ich sehe das ähnlich. Aber so toll es vielleicht auch klingen mag, es hatte einen Haken. Da ich an meine Gesundung glaubte und fröhlich durchs Leben schritt, gab es kaum Ansatzpunkte, wie man mir helfen konnte. Ich wollte ja auch gar keine Hilfe, denn es ging mir richtig gut. Ich fühlte mich in einer Art Dauer-Urlaub und nicht im Krankenstand. Aber für die Menschen, mit denen man eng verbunden ist, kann es sehr schwer sein, das zu akzeptieren. Man möchte helfen und dafür braucht man etwas, das man tun kann. Der Fakt an sich mag noch nicht problematisch sein, aber je nachdem, wie es aufgefasst wird, kann es durchaus als Zurückweisung interpretiert werden.

Es ging so weit, dass mir Menschen offen sagten, dass sie meiner Aussage, ich würde keine Angst haben, nicht glaubten. Auch wenn ich das nicht toll fand, so kann ich es heute gut verstehen. Wenn ich ohne Absicherung auf einem Seil über eine tiefe Schlucht balancieren müsste, dann hätte ich Angst abzustürzen. Und wenn dann jemand käme und behauptete, dass man einfach hinübergehen könne und Angst fehl am Platze wäre, dann hätte auch ich Schwierigkeiten es zu glauben. Würde er aber loslaufen und furchtlos auf dem Seil spazieren, dann würde ich diese Zweifel auslöschen und gebannt zuschauen. Es würde nichts an meiner eigenen Einstellung ändern. Müsste ich über dieses Seil gehen, dann hätte ich immer noch eine riesige Angst. Aber ich würde die eigenen Ängste nicht mehr auf den anderen projizieren.

Für mich war der Umgang mit den mir nahestehenden Menschen teilweise schwieriger, als der Krebs und dessen Behandlung an sich. Als ich mich zur Radiochemotherapie entschloss, gab es sehr schnell einen Fahrplan. Ich wusste, wann ich zur stationären Behandlung im Krankenhaus sein musste und wann zur ambulanten. Und die Termine für die Bestrahlung waren auch klar (jeden Werktag zur gleichen Zeit). Mit diesem festen Plan konnte ich meinen restlichen Tagesablauf gut planen. Und da die Ärzte mir sagten, dass man inmitten der Therapie keine Aussagen darüber machen könne, ob und wie gut sie hilft, machte ich mir eben auch keine Gedanken mehr darüber.

Keine Gedanken machen bedeutet, dass wenn ich in 100 Tagen ein Ergebnis erhalte, ich die 99 Tage davor genießen kann. Es gibt viele Menschen, die das nicht können. Und vielleicht mochte der ein oder andere gedacht haben, dass mir einfach alles egal sei und man mich aufwecken müsse. Ich sehe hier ein riesiges Konfliktpotenzial. Ein Mensch, der für sich einen Weg gefunden hat, mit einer großen Belastung umzugehen, erfährt durch das Unverständnis über den gewählten Weg Reaktionen seiner Mitmenschen, die belastender sein können, als die eigentliche Ursache. Aber das ist wohl menschlich.

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Über Weißer Läufer

Ich bin 46 Jahre alt und programmiere seit meiner Jugend. Dieses Hobby wurde mein Beruf und ist es heute noch. Mit 42 Jahren wurde Lungenkrebs diagnostiziert. Seitdem hat sich mein Leben positiv gewandelt, so dass ich dem Krebs im Nachhinein dankbar bin.
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