Wie fühlt sich Chemo an?

Bei Schicksalsschlägen, zu denen Krebs sicher gehört, gerät das Leben aus den Fugen. Plötzlich ist nichts mehr, wie es war, oder zumindest scheint es so. Die neue Situation muss bewertet werden, aber das geht nicht so schnell. Wie sollte es auch? Wer Medizin studiert hat oder in anderer Weise mit Heilberufen in Kontakt gekommen ist, mag vielleicht eine Idee davon haben, was er tun würde. Aber wenn man sich tatsächlich in der Situation befindet, kann es ganz anders aussehen. Man versucht eine Lösung zu finden und hofft, dass es die richtige ist. Aber man weiß es nicht. Und alle anderen, die ebenfalls ihre Meinung haben, wissen es auch nicht. Es bleiben vorerst nur die Hoffnung und das Vertrauen.

Wenn der Betreffende in diesem Umfeld eine eigene Vorstellung entwickelt, wie er mit der Situation umgehen möchte, dann ist es das Beste, was passieren kann. Und sei es noch so weit von der eigenen Herangehensweise entfernt. Man muss es akzeptieren und darauf vertrauen, dass es der richtige Weg ist. Wer sollte es auch besser wissen? Man kann dabei seinen Frieden finden, ohne gleichgültig zu sein, aber ich behaupte nicht, dass es einfach ist. Vielleicht ist die folgende Logik besser zu verstehen: Zweifel helfen nicht, sie verunsichern. Unsicherheit macht Angst und Angst macht krank.

Nach zwei Zyklen Chemotherapie war mein Körper dermaßen geschwächt, dass ich lange Zeit einfach nur im Bett lag. Ich war so müde, dass es eine Qual war, mich auf den Beinen zu halten. Dazu kam der eklige Geschmack, der noch Tage nach der Verabreichung zu spüren war. Obwohl die Medikamente intravenös verabreicht werden, kommt es einem so vor, als hätte man sie getrunken. Es ist widerlich. Ein Zyklus bestand aus einem Wochenendaufenthalt im Krankenhaus, an dem die Chemo verabreicht wurde, gefolgt von einer Woche Pause. Dann folgte der Besuch der Tagesklinik für eine weitere, kleinere Dosis. Dann folgten zwei Wochen Pause. Ein Zyklus ging also über drei Wochen und beinhaltete die Verabreichung von zwei Ladungen Chemo.

Nach zwei Zyklen hatte ich viermal Chemo erhalten und es fühlte sich grauenvoll an. Ich hielt Rücksprache mit den behandelnden Ärzten und entschied, dass ich auf weitere Gaben verzichten werde. Unter der Hand teilte man mir dabei mit, dass die beiden zusätzlichen Zyklen statistisch gesehen nur noch eine minimale Erhöhung der Überlebenswahrscheinlichkeit bedeuten würden. Ich entschied mich bewusst gegen einen statistischen Wert und für die Steigerung der Lebensqualität. Ich wurde langsam zu einem mündigen Patienten.

Durch die Bestrahlung war meine Speiseröhre so in Mitleidenschaft gezogen, dass jeder Schluckvorgang unangenehme Schmerzen verursachte. Aber auch dies war irgendwann vorbei und die Ärzte beratschlagten über die anstehende Operation. Der linke Lungenoberlappen sollte entfernt werden, und da der Tumor sehr nah an den Nervensträngen lag, die zum linken Arm führten, war die Idee der durchgeführten Radiochemotherapie, den Tumor soweit zu verkleinern, dass die Operation ohne Risiko möglich war. Im Ergebnis war der Tumor aber noch genau so groß wie zu Beginn, nämlich gut 5x5cm im Querschnitt.

Es folgte ein Aufklärungsgespräch mit einem Chirurgen, der mich fast zwei Stunden warten ließ, um mir dann mitzuteilen, dass er gerade erst von seinem Wochenendausflug zurück sei und sich leider nicht auf das Gespräch vorbereiten konnte. Er sah sich schnell die Aufnahmen des letzten CTs an und meinte lapidar, dass man nicht sagen könne, ob die Nerven Schaden nehmen würden oder nicht. Das sähe man dann bei der Operation. Und da ich dann natürlich in Vollnarkose wäre, müsste ich vorab entscheiden, was sie tun sollen, wenn es eng wird: einen Teil des Tumorgewebes im Körper lassen, um die Nerven zu schonen, oder alles herausnehmen, mit dem Risiko, dass der linke Arm danach nicht mehr voll funktionsfähig sei.

Dieses Gespräch war wahrlich nicht dazu angetan, mir Mut zu machen und von dem einen auf den anderen Augenblick verschwand mein Glaube an die weitere Behandlung. Innerhalb weniger Tage entschied ich mich dazu, die Operation abzulehnen und eine alternative Therapie anzutreten.

Jetzt begann mein eigentlicher Leidensweg. Während es für mich wie eine Erlösung war und ich fortan immer überzeugter wurde, dass ich gesunden werde und es im Inneren spüren konnte, brach für mein Umfeld eine Welt zusammen. Ganz so, als hätte ich nun mein eigenes Todesurteil unterschrieben. Ich spürte, wie mir das Vertrauen entzogen wurde und es war kein schönes Gefühl. Aber die Alternative wäre gewesen, die Behandlung weiterzuführen, in die ich selbst nicht mehr vertraute. Dies ist genau der Punkt den ich meine, wenn ich sage, dass man die Entscheidung nicht aus der Hand geben darf. An diesem Punkt hätte es auch keine Kompromisse mehr geben können.

Was wäre passiert, wenn ich nun gestorben wäre? Man hätte sagen können, dass ich die falsche Entscheidung getroffen hätte. Aber einerseits wüsste man nicht, wie es nach der schuldmedizinischen Behandlung weitergegangen wäre. Vielleicht wäre ich auch dann gestorben! Da man es nicht weiß, bleibt nur eine andere Betrachtung. Sagen wir, Du überredest den Patienten dazu, eine Behandlung zu machen, die er an sich ablehnt. Und dann stirbt er. Vergleiche es mit der Situation, wenn der Betroffene selbst entscheidet und stirbt. Womit wolltest Du später leben?

Privat war es eine schwierige Zeit, aber ich habe mich enorm weiterentwickelt. Ich fand einen Zugang zu mir selbst und Christoph lehrte mich, den Krebs zu akzeptieren, statt ihn nur zu bekämpfen. Mit der Zeit sah ich den Tumor als Begleiter. Ich empfand ihn nicht mehr als Krankheit, sondern als Symptom. Und wenn die zugrundeliegenden Ursachen beseitigt wären, würde auch der Tumor verschwinden. Es klang für mich sehr schlüssig, aber ich bewegte mich auf dünnem Eis.

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Über Weißer Läufer

Ich bin 46 Jahre alt und programmiere seit meiner Jugend. Dieses Hobby wurde mein Beruf und ist es heute noch. Mit 42 Jahren wurde Lungenkrebs diagnostiziert. Seitdem hat sich mein Leben positiv gewandelt, so dass ich dem Krebs im Nachhinein dankbar bin.
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7 Antworten zu Wie fühlt sich Chemo an?

  1. Echium schreibt:

    Eine wunderbare, nein eine kostbare Einstellung die Du da hast! Beneidenswert! Und ich weiß aus eigenen Erfahrungen, welche ein Kampf man führen muss. Dabei spreche ich nicht vom Kampf gegen den Krebs (dagegen kann und sollte man nicht kämpfen) sondern gegen Angehörige und Freunde, die alle einen gut gemeinten Rat haben, aber doch nicht wissen, wie Du dich in dieser Situation fühlst.
    Ich wünsche Dir auf Deinem Weg ganz viel Vertrauen, Vertrauen in Deine Ärzte, die ihre hohe Kunst hoffentlich gut beherrschen, Vertrauen in deine Mitmenschen, die mit all ihren Ratschlägen nur das Beste wollen und vor allem Vertrauen in Dein Gefühl!

    Alles alles Gute für Dich!
    Anne

    • mhh67 schreibt:

      Liebe Anne,

      Herzlichen Dank für Deine lieben Worte. Ich habe bereits gestern begonnen, Deine Geschichte zu lesen und bin zutiefst berührt. Auch wenn Du manchmal müde und mutlos sein magst, so konnte ich doch eine enorme Kraft spüren, die von Deinen Zeilen ausgeht. Dein Lebenswille ist großartig und ich wünsche Dir noch viele Jahre mit Deinem Liebsten und dem Zwerg, der ja immer größer wird.

      Lass Dich nicht unterkriegen!
      Michael

      • Echium schreibt:

        Vielen Dank für Deine Worte!
        Müde, ja, das bin ich oft. Mutlos, auch solche Phasen gibt es. Viel wichtiger ist es aber Grenzen zu akzeptieren und trotz allem das Schöne und Dankenswerte zu sehen; jeden Tag aufs Neue zu genießen und zu erkennen, dass auf irgendeine Weise doch alles gut ist, so wie es eben ist!

  2. Simon Eisenkopf schreibt:

    Lieber Michael, bin durch Zufall auf deine Seite hier gestossen. Hab alle Beiträge regelrecht verschlungen, vor allem deshalb, weil ich ein sehr ähnliches Schicksal wie du habe – Pancoast Tumor in der rechten oberen Lungenspitze und wurde auch mit ähnlicher Vorgeschichte diagnostiziert. Da du nun schon länger nichts mehr gebracht hast, wollte ich nachfragen, wie es dir geht? Würde mich über Antwort sehr freuen. LG Simon

    • Weißer Läufer schreibt:

      Hallo Simon,

      Ich war schreibtechnisch in der Tat lange Zeit faul. Die ganze Geschichte musste aus mir heraus und nachdem es vollbracht war ließ der Drang abrupt nach.

      Gesundheitlich geht es mir sehr gut. Meine letzte Kontrolluntersuchung war im Dezember. Diesmal wieder ein PET CT zur Untersuchung vermehrten Zellwachstums. Es wurde nichts mehr gefunden und somit die vorherigen Ergebnisse bestätigt. In zwei Jahren soll ich wiederkommen, aber sie sind mir auch nicht böse, wenn ich nicht mehr käme. Nach fast fünf Jahren kann ich das Thema Krebs also vorerst zu den Akten legen.

      Liebe Grüße,
      Michael

      • Nina schreibt:

        Hallo Michael,
        Wie geht es Ihnen jetzt? Ihre Geschichte bewegt mich zutiefst. Wäre super etwas Neues von Ihnen zu erfahren.

        NINA

      • Weißer Läufer schreibt:

        Hallo Nina,
        Danke für die Anteilnahme und die Nachfrage. Für mich ist der Krebs mittlerweile verarbeitet, weshalb der Drang verschwunden ist, meine Geschichte weiter zu erzählen. Daher auch der plötzliche Stop in diesem Blog. Dennoch ist es wohl an der Zeit, hier anzuschließen, was aus Gründen, dich ich zu diesem Zeitpunkt nicht nennen kann, erst Mitte nächster Woche möglich ist.

        Zur Gesundheit: Die Ärzte haben mir mitgeteilt, dass ich nicht mehr zu weiteren Untersuchungen kommen muss. Ich bin geheilt. Der Tumor kam und er ging. Das spannende daran ist, dass ich ihn verstanden habe und durch meinen Lebenswandel zum Gehen bewegen konnte. Das ist mit Worten nur ungenau zu beschreiben, aber eine andere Möglichkeit habe ich nicht bzw. ist nur bei sehr wenigen Menschen möglich.

        Es gibt viel zu erzählen, was nicht mehr mit Krebs zu tun hat, aber durch die Geschehnisse danach indirekt damit zusammenhängt. Also setze ich mir selbst eine Erinnerung für Ende nächster Woche, lese dann selbst nochmal alles, was ich hier geschrieben habe und werde dann spüren, ob ich schreiben möchte und wenn ja, was.

        Liebe Grüße
        Michael

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