Schutzengel

Von der Erstdiagnose im März 2010 bis zum plötzlichen Verschwinden des Tumors im Januar 2011 vergingen gerade einmal 10 Monate. Das ist für Krebs im fortgeschrittenen Stadium sicher ein ungewöhnlich schneller und nicht zu erwartender Heilungsverlauf. Manche werden es als Spontanheilung bezeichnen, wieder andere als Wunder. Das Aufarbeiten dieser 10 Monate brauchte Zeit und die Jahre 2011 und 2012 verbrachte ich mit Regeneration. Die Firma, die ich zuvor mit viel Einsatz aufgebaut hatte ging dabei zugrunde, aber sie ermöglichte es uns, das Leben ohne finanzielle Einbußen weiterzuführen. Das war sicher die wichtigste Funktion, die sie je ausgeübt hatte.

Was ist ein Wunder? Wikipedia schreibt dazu folgendes: Als Wunder gilt umgangssprachlich ein Ereignis, dessen Zustandekommen man sich nicht erklären kann, so dass es Verwunderung und Erstaunen auslöst. Es bezeichnet demnach allgemein etwas „Erstaunliches“ und „Außergewöhnliches“. Dieser Definition kann ich mich anschließen. Zurück bleibt die Frage, warum ich gesundete und vor allem, wieso ich mir so sicher war, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Ich habe keine Antwort darauf und es ist vollkommen in Ordnung, es nicht zu wissen. Es war seinerzeit ein Gefühl und es ist auch jetzt ein Gefühl. War der Krebs nötig, damit ich mich weiterentwickeln konnte? Hatte ich einen Schutzengel, der über mich wachte? Das Auseinandersetzen mit dem Tod warf viele Fragen auf und so war ich plötzlich auch mit religiösen Themen konfrontiert.

Ich verstehe Religionen als Hilfestellungen, um mit dem Unerklärlichen umzugehen. Dieses Unerklärliche wird mit wachsendem wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt stets kleiner, aber es wird immer Grenzbereiche geben, die für unseren Verstand nicht greifbar sind. So wird heute ziemlich übereinstimmend gelehrt, dass es einen Urknall gab, aus dem unser gesamtes Universum entstanden ist. Und dieses Universum sei unendlich groß. Zumindest dehnt es sich so schnell aus, dass wir sein Ende nie erreichen können. Aber was war vor dem Urknall und was hat ihn ausgelöst? Wie groß ist unendlich und was liegt außerhalb des Universums? Man kann alles mathematisch beschreiben und zu erklären versuchen, aber wirklich begreifen kann man es nicht.

Der Tod ist eine weitere Grenzsituation. Kommt danach noch etwas? Stirbt nur der irdische Körper oder endet unsere gesamte Existenz in dem Augenblick, da unser Gehirn für immer ausgeschaltet wird? Ich halte es so, wie mit dem Denken: ich denke nicht, sondern bin. Vielleicht kann ich nach dem Tod nicht mehr denken, aber vielleicht kann ich noch sein. Ich sehe den Tod als Geburt in eine andere Welt. Und der Tod in dieser anderen Welt ist gleichbedeutend mit einer neuen Geburt in die uns bekannte oder eine ganz andere Welt. Es mag vollkommen falsch sein und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist es das auch. Aber ich habe mit dieser Vorstellung meinen Frieden gefunden und die Angst vor dem Tod endgültig abgelegt.

Was hat es nun mit dem Schutzengel auf sich? Wie mit Göttern, so tue ich mich auch mit Engeln schwer. Aber der Schutzengel ist für mich auch ein allgemeinerer Begriff. Ich hatte das Gefühl, in der zweiten Jahreshälfte 2010 ein wenig geführt worden zu sein. Nicht so, dass mich jemand an die Hand nahm und aufs Fahrrad setzte. Aber ich erhielt Gelassenheit, Sicherheit, Glaube und Zuversicht. All das war da und gab mir dieses herrliche Gefühl, mir keine Sorgen machen zu müssen. Und da ich es nicht besser in Worte fassen kann, erscheint mir der Begriff „Schutzengel“ recht treffend, auch wenn er in meinen Vorstellungen nicht auf zwei Flügeln herbeigeflattert kommt. Aber vielleicht war er, sie oder es eine Weile bei mir und hat auf mich aufgepasst. Das ist eine sehr schöne Vorstellung und ich würde dieses Gefühl gerne weitergeben, weil daraus viel Hoffnung entstehen kann. Nur merke ich, dass unsere Sprache bei weitem nicht aussagekräftig genug ist, um es annähernd so zu beschreiben, wie es war. Die Sprache bildet halt das sichtbare irdische ab, aber ich hoffe dennoch, eines Tages die richtigen Worte zu finden.

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Über Weißer Läufer

Ich bin 46 Jahre alt und programmiere seit meiner Jugend. Dieses Hobby wurde mein Beruf und ist es heute noch. Mit 42 Jahren wurde Lungenkrebs diagnostiziert. Seitdem hat sich mein Leben positiv gewandelt, so dass ich dem Krebs im Nachhinein dankbar bin.
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